Die schockierenden Bilder von ausgemergelten Menschen gingen damals um die Welt. Rund eine Million Menschen starben in Äthiopien an den Folgen einer mehrjährigen Dürre. Der österreichische Schauspieler Karlheinz Böhm lancierte in der Sendung «Wetten dass ...?» seinen berühmten Spendenaufruf und gründete die Organisation «Menschen für Menschen». Und der irische Rockstar Bob Geldof sammelte mit seinem Band-Aid-Projekt und den «Live Aid»-Konzerten im Sommer 1985 rund 250 Millionen Dollar für die Hungernden.
Nun hat die BBC die Ergebnisse einer explosiven Recherche veröffentlicht. Demnach gelangte ein erheblicher Teil des gespendeten Geldes nicht zu den Opfern der Hungersnot, sondern in die Hände von Rebellen, die damit Waffen kauften. In der Region Tigray im Norden des Landes kämpfte damals die Volksbefreiungsfront (TPLF) gegen das kommunistische Regime von Mengistu Haile Mariam. Für die Hilfsorganisationen war das Gebiet nicht zugänglich. Sie mussten sich auf Händler verlassen, die den Betroffenen Getreide und andere Nahrungsmittel liefern konnten.
100 Millionen für die Rebellen
Gebremedhin Araya, ein ehemaliger TPLF-Anführer, behauptet nun im BBC-Bericht, er habe sich als «muslimischer Händler» verkleidet, «ein Trick für die Hilfswerke». Statt Getreide habe er Sandsäcke geliefert und das Hilfsgeld der TPLF-Führung übergeben. Ein ehemaliger Rebellenkommandant, Aregawi Berhe, bestätigte diese Angaben: «Die Entwicklungshelfer wurden hereingelegt.» Rund 100 Millionen Dollar seien auf diese Weise in die Hände der Rebellen gelangt, wovon nur etwa fünf Prozent für die Hungerhilfe und 95 Prozent für den Kauf von Waffen und den Aufbau einer politischen Organisation verwendet worden seien.
Ein Anführer der Rebellen hiess Meles Zenawi. Er ist seit dem Sturz des Mengistu-Regimes 1991 äthiopischer Premierminister. Gebremedhin und Aregawi aber überwarfen sich mit der TPLF-Führung und flüchteten aus Äthiopien. Abadi Zemo, der damalige Leiter des humanitären Flügels der TPLF, bezeichnete die Anschuldigungen gegenüber der BBC als «unsinnig». Auch Bob Geldof reagierte empört. Zwar räumte er gegenüber der «Times» ein, dass ein Teil des Geldes möglicherweise missbraucht wurde. Das behauptete Ausmass aber sei «Schwachsinn».
Wusste die CIA Bescheid?
Die BBC steht zu ihrer Story. Neben den Aussagen der abtrünnigen Rebellen verweist sie auf einen Bericht des US-Geheimdienstes CIA von 1985, der zum Schluss kam, dass ein Teil der Hilfsgelder von aufständischen Organisationen «fast sicher für militärische Zwecke abgezweigt wird». Womit die Geschichte eine zusätzliche Dimension erhält.
Denn damals galt die von US-Präsident Ronald Reagan erlassene Direktive, den Einfluss der Sowjetunion in den Entwicklungsländern zurückzudrängen. Das Regime von Mengistu Haile Mariam aber wurde von Moskau unterstützt, weshalb es laut BBC naheliegt, dass der Aufstand der Rebellen in Tigray mit Billigung der USA stattfand. Es könne deshalb «nicht ausgeschlossen werden, dass die CIA nicht nur über die Abzweigung von Hilfsgeldern an die TPLF Bescheid wusste, sondern sie auch unterstützte».
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